Laut einer Studie von Sarah Gust, Eric A. Hanushek und Ludger Woessmann die als CESifo Working Paper veröffentlicht wurde fehlen stand Oktober 2022 23,8% von Deutschlands Kindern grundlegende Kom-petenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen, Tendenz steigend. Verglichen mit anderen Ländern ist das zwar nicht schlecht, Luft nach oben ist trotzdem ausreichend da. Das Ergebnis platziert Deutschland auf Platz 30 von 159, vor Ländern wie der Türkei oder den USA, jedoch weit hinter Ländern wie Großbritannien, Singapur und Testsieger China (bitte beachtet, dass sich die Studie nur auf Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen bezieht. Chinas Bildungssystem ist alles andere als menschlich, geschweige denn gut). Doch wo kann man das deutsche Schulsystem noch verbessern? Ist es noch zeitgemäß? Ein Überblick.

Schulfächer

Schulfächer sind wohl das Kennzeichen des aktuellen Schulsystems. Während in der Grundschule noch vermehrt auf die Bedürfnisse, Wissenslücken und Interessen der Schulkinder geachtet wird, ist das auf einem Gymnasium völlig anders. Mathe, Musik, Englisch und Französisch folgen dicht aufeinander und erhöhen durch den ständigen Wechsel zwischen verschiedensten Themen erheblich den Stresslevel. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Dieses liegt wohl viel eher in der zusätzlichen Belastung durch nahezu überflüssige Fächer wie Musik, Ethik und Religionsunterricht. Denn während die Verbindung von Schule und Religion sowieso schon ein Thema für sich selbst ist, braucht nun wirklich fast kein Erwachsener zu wissen, wann man nun einen Vierhebigen Trochäus nutzt und wie genau die doppelte Bläserbesetzung aus Beethovens Erster samt den italienischen Fachbegriffen funktioniert.

Das alles beansprucht aber so viel Zeit, dass man sich auf durchaus wichtige Fächer wie Mathe, Französisch und Englisch erheblich weniger konzentrieren kann. Und ich denke mir das ja nicht aus. All die genannten Beispiele sind Stoff der siebten und achten Jahrgangsstufe.
Abhängigkeit.

Der individuelle Erfolg in einem Schulfach hängt leider weitgehend von den Lehrkräften ab, den guten und den schlechten zugleich. Das zeigte 2009 auch John Hatties wegweisende Studie „Visible Learning – Lernen sichtbar machen“, in der die wichtigsten Einflussfaktoren in einer Rangliste geordnet wurden. Jeder hat dieses eine Fach, das nur wegen der Lehrkraft toll ist – oder eben auch nicht. Aus einem Einser-Schüler z.B. in Deutsch wird da schnell ein Dreier-Schüler. Mal eben so. Und nicht nur die Noten, sondern auch der tatsächliche Lerneffekt schwanken extrem. Der positive Einfluss, den gute Lehrer dadurch haben können, ist wundervoll. Ein angenehmes Klassenklima, verständliche Erklärungen, interessanter und lehrreicher Unterricht und so weiter. Aber in die andere Richtung geht das eben genauso. Immerhin ist genau diese “Klarheit der Lehrperson” in Hatties Rangliste auf Platz 8 und “Lehrer-Schüler-Beziehung” auf Platz 11 von 138, also besonders einflussreich. Daran etwas zu ändern ist aber auch, wie bei den meisten anderen hier angesprochenen Themen, wahnsinnig schwie-rig. Die eine einfache Lösung gibt es nicht.

Unterricht

Die Grundsätze unseres Schulsystems stammen aus der Zeit während und kurz nach der Industrialisierung zu Anfang des 19. Jhd. Es bildete zu dieser Zeit fähige Fabrikarbeiter aus. Es war wichtig, Befehle genau zu befolgen und zu machen was gesagt wird, und nur das. Und das ist schon lange veraltet. In den letzten Jahren wurde die Kreativität im Unterricht zwar immer wichtiger, laut Bildungsforschern sind wie allerdings immer noch an einem Punkt, wo die Schule unsere Kreativität eher blockiert als fördert. Die „Fließbandmentalität“ der Unterrichtsgestal-tung, das ständige „Aufstehen, hinsetzen, macht Aufgabe 4 auf Seite 76, hier ist eure Hausaufgabe“.

Ein individueller, dynamisch gestalteter Unterricht mit mehr kreativem Freiraum für alle wäre nicht nur wesentlich angenehmer, sondern würde das Lernen viel effektiver machen. Mehr praktische Versuche und Gruppenarbeiten würden unglaublich viel zum aktuell viel zu theoretischen Schulalltag beitragen. Klar, in Deutsch wird man kein Feuerwerk bauen und auch Musik wird nie seine Theorie verlieren. Trotzdem kann in jedem Fach ein wenig am Theorie-Praxis-Verhältnis gearbeitet werden.

Noten

Noten sind da, um die Leistungen von Schülern einfach und verständlich zu vergleichen. Das Problem liegt aber nicht beim „einfach und verständlich“, sondern im „vergleichen“. Verschiedene Lehrkräfte benoten völlig unterschiedlich. Besonders in Fächern wie Deutsch ist der Lehrkraft oft genug Freiraum gegeben, um denselben Aufsatz mit unterschiedlichen Noten zu bewerten, aber auch bei vermeintlich objektiven Themen wie Mathematik findet man laut Bundeszentrale für politische Bildung erhebliche Unterschiede in der Benotung. Der Zweck, Schüler oder Schülerinnen, Klassen, Schulen oder ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, ist damit oft hinfällig.

Hausaufgaben

Auch Hausaufgaben kann ich hier nicht unangesprochen lassen. Laut dem Deutschen Schulportal der Robert Bosch Stiftung und nicht zuletzt auch wieder der Hattie-Rangliste ist es für den Lernerfolg erstaunlich un-wichtig, ob die Hausaufgaben nachts unter der Bettdecke, morgens im Bus oder gar nicht gemacht werden. Trotzdem sind genau diese oft die großen Zeitfresser, wenn es um das Lernen am Nachmittag geht. Schnell am Ende der Stunde in den Klassenraum gerufene Aufgaben im Buch und Sätze wie „Rest ist Hausaufgabe“ könnte man einfach weglassen, und keiner würde sie vermissen. Klar, Vertiefung sollte es natürlich trotzdem geben, das ist keine Frage. Auch dafür würden sich die im Abschnitt „Unterricht“ angesprochen praktischen Aufgaben wunderbar eignen. Dazu kommt noch, dass für eine sinnvolle Hausaufgabe auch ein individuelles Feedback wichtig wäre. Dafür reicht allerdings meist die Unterrichtszeit nicht aus. Diese könnte jedoch durch Ersetzen „überflüssiger“ Unterrichts-stunden (siehe „Schulfächer”) durchaus beschafft werden.

Fazit

Große Teile des deutschen Schulsystems sind in einem viel zu schlechten Zustand. Wir können nur hoffen, dass von Seiten der Politik bald ein paar gute Neuigkeiten kommen. Ich denke, genau jetzt, mit einer neuen Kultusministerin, ist endlich die Zeit für Veränderungen jeglicher Art gekommen.

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