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„Zero Dark Thirty“ oder: von der Moral

Februar 16, 2013 Aktuelles, Film No Comments

Zero Dark Thirty„Zero Dark Thirty“  ist nach „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ der neueste Film des Duos Kathryn Bigelow (Regie) und Mark Boal (Drehbuch). Er zeigt in 157 Minuten die jahrelange Jagd nach Osama bin Laden, beginnend mit den Anschlägen am 11. September 2001, endend mit Bin Ladens Tod am 2. Mai 2011. In den USA wurde der Film mit zahlreichen Preisen (u. a. fünf Oscar – Nominierungen) ausgezeichnet, rief allerdings gleichzeitig heftige Diskussionen hervor.

Eine jahrelange Jagd

In einem Geheimgefängnis in Pakistan hört die junge CIA- Agentin Maya bei der Folterung eines Gefangenen zum ersten Mal von Osama bin Ladens Kurier. Sie verschreibt sich der Suche nach diesem und nach Bin Laden selbst. Nach jahrelangem Aktenwälzen,  Informationen suchen und Verhöre auswerten; nach zahlreichen Rückschlägen, Sackgassen, Auseinandersetzungen und  Verlusten hat Maya endlich Erfolg und findet den gesuchten Kurier. Seine Beschattung führt zu einem stark gesicherten Gebäude in Abbottabad. Maya ist fest davon überzeugt,  Bin Ladens Versteck gefunden zu haben.  Schließlich wird das Haus von den Navy SEALs gestürmt und Osama bin Laden 30 Minuten nach Mitternacht (im Militärjargon“ Zero Dark Thirty“)getötet.

Ein eiskalter Racheengel

Jessica Chastain (“The Tree of Life”, “The Help”) überzeugt  in der Rolle der CIA-Analytikerin Maya. Maya ist kein netter Mensch. Sie hat eigentlich keine Freunde, sie ist stur und verbissen und fühlt sich dazu auserwählt, die „Mission“ zu Ende zu bringen und Bin Laden zu töten.  Chastain stellt Mayas Obsession außergewöhnlich intensiv dar.

Maya foltert zwar nie selbst – das lässt sie andere machen – doch sie akzeptiert Folter als Mittel zum Zweck. Als sie zum ersten Mal bei einer Folterung dabei ist, gewinnt der Zuschauer den Eindruck, dass die Grausamkeiten sie berühren und verstören. Doch als der blutüberströmte Gefangene sie verzweifelt ansieht und flüstert: „Helfen Sie mir!“, ist Mayas Stimme eiskalt: „Sie können sich selbst helfen, indem sie die Wahrheit sagen“.

Letzten Endes erreicht Maya ihr Ziel: Ihr ist es zu verdanken, dass Bin Laden getötet wird. Als sie die Leiche sieht, weint die junge Frau. Als sie gefragt wird, wohin sie jetzt, wo alles vorbei ist, möchte, fließen erneut Tränen über ihr Gesicht. Die Frage, ob sie nun eine Siegerin ist, wird dem Zuschauer mit nach Hause gegeben.

Von Tätern und Opfern

Nicht nur an Maya, auch an Dan (Jason Clarke), ihrem Kollegen, der in der einer  Sekunde seine Eiswaffel an kleine Äffchen verfüttert und im nächsten Moment einen Gefangenen an einem Hundehalsband hinter sich her zieht, wird deutlich, was der Film eigentlich zeigt: Die Ambivalenz der Täter, das Schwanken zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit: Maya und Dan foltern bzw. lassen foltern, doch sie sind immer noch Menschen.

Ein Aspekt, den „Zero Dark Thirty“ komplett aus dem Spiel lässt, ist die Perspektive der Opfer. Die Darstellung der Gefangenen und Gefolterten bleibt ohne Tiefe. Der Film konzentriert sich ausschließlich auf auf die Sicht der Täter.

Die Folter-Frage

Kaum jemand zweifelt an Bigelows Talent als Regisseurin oder an anderen filmischen Aspekten von „Zero Dark Thirty“. In die Kritik gekommen ist der Film, weil er Folter rechtfertige. Laut Kritikern lege die  Darstellung im Film nahe, dass Bin Laden nur gefunden wurde, weil al-Quaida- Mitglieder  unter Folter die entscheidenden Informationen preisgaben.  Diese Anschuldigung erscheint bei näherer Prüfung allerdings relativ haltlos, da die Agenten in „Zero Dark Thirty“ die entscheidenden Informationen nicht durch Folter erhalten. Ob die halbstündige Folterszene zu Beginn des Films zu detailliert und grausam oder zu harmlos ist, bleibt dem Empfinden der Zuschauern überlassen.

Ein journalistischer Spielfilm

„Zero Dark Thirty“ ist laut Bigelow und Boal eine Hybris zwischen Fiktion und Realität. Zum einen ist es immer noch ein Spielfilm, zum anderen erhebt der Film journalistische Ansprüche: Die Darstellung sei akribisch recherchiert und stütze sich auf Quellen aus erster Hand. Boal bezeichnet das Drehbuch als „eine dramatisierte Summe von Augenzeugenberichten.“

Da die Realität nun mal kein Thriller ist, der in einem fort vor Spannung vibriert, hat auch „Zero Dark Thirty“ seine Längen. Die Mühsal der langen Suche nach dem Kurier wird zwar überzeugend dargestellt, doch zieht sich der Film an einigen Stellen – und manchmal ist es ist schwer bei all den Spuren, Zeit- und Ortswechseln den Überblick zu behalten.

Von der Moral

Das Außergewöhnliche an „Zero Dark Thirty“ ist wohl, dass er weder in moralischer noch in politischer Hinsicht Stellung bezieht. Dass die Bush-Regierung bestimmte Foltermethoden (u. a. Waterboarding) als  „enhanced interrogation“ (verschärfte Vernehmung) für bestimmte Zwecke legalisierte, wird nicht erwähnt. Dass der Wechsel in der Politik die Suche nach Bin Laden beeinflusst, wird nur kurz angesprochen, beispielsweise als Dan Maya rät, vorsichtig zu sein, da sie „nicht die Letzte sein” will, “die hier noch mit einem Hundehalsband in der Hand steht, wenn die interne Aufsicht anrückt“.

Verstörende Folterszenen und Bilder diverser Anschläge lassen es im Kinosessel ganz schön ungemütlich werden. Doch einen kritischen Diskurs über Folter gibt es in diesem Film ebenso wenig, wie einen Moralapostel. Keine der handelnden Personen ist unschuldig, mit niemandem möchte man sich identifizieren.

„Zero Dark Thirty“ berichtet nüchtern und distanziert von der langen Jagd auf Osama bin Laden.  Das Urteilen wird den Zuschauern überlassen.

Lara Lorenz

 

 

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