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Skyfall: Schwache Frauen, ein schwächelnder Held und ein starker Regisseur

November 19, 2012 Film, Kultur No Comments

In den europäischen Parlamenten wird über die Einführung einer Frauenquote in Führungspositionen debattiert, im neuen “Bond” wird sie kurzerhand abgeschafft: Bonds Boss M, seit 1995 weiblicher Natur (Judi Dench), stirbt am Ende des Films und wird kommentarlos durch einen männlichen M (Ralph Fiennes alias Gareth Mallory) ersetzt.

Den anderen weiblichen Darstellerinnen ergeht es nicht viel besser: Bondgirl Eve (Naomi Harris) schießt so ungenau, dass sie dummerweise Bond erwischt – und wird daraufhin in den Innendienst versetzt. Auch den Rest des Films über bleibt sie mehr Mäuschen als mächtige Akteurin. Die schöne Sévérine (Bérénice Marlow) erscheint noch schwächer: Sie ist Bösewicht Raoul Silva (Javier Bardem) hilflos ausgeliefert und beherrscht offensichtlich nicht einmal irgendeine Form von Kampfkunst. Frauen degradiert zu hilflosen Sexobjekten?

Wer nun erwartet, dass wenigstens Obermacho James Bond (Daniel Craig) gut wegkommt, der sieht sich zunächst getäuscht. Zwar kann er seine Quote von durchschnittlichen zwei Bettgeschichten pro Film etwas steigern (in Skyfall sind es drei), ansonsten bleibt aber nicht viel Männlichkeit übrig: Nach seiner beinahe tödlichen Verwundung scheint er ständig von Folgeschmerzen geplagt. Auch seine Schussgenauigkeit und seine körperliche Konstitution haben offensichtlich darunter gelitten. Beim Wiedereinstellungstest des MI6 fällt er glatt durch und darf nur deshalb wieder in den Dienst, weil M die Ergebnisse vertuscht.

Aber gerade jene Schwächen sind es, die den “Bond” einmal mehr interessant machen – und früh die Frage aufwerfen: Wird er es schaffen? Wird sein Wunsch nach „Wiederauferstehung“, den er im unfreiwilligen Rendezvous mit Ex-Agentenkollege Raoul Silva äußert, in Erfüllung gehen? Bonds Kampf ist auch ein innerer Kampf: Gegen die Selbstzweifel, die Gefahr der Demotivation und die Einsamkeit des Agentendaseins. Die psychologische Ebene in diesem Bond-Film ist breiter als je zuvor.

Doch der Spannungsbögen sind noch nicht genügend gespannt: Zu der üblichen Frage, ob der Bösewicht am Ende besiegt wird – was ja anzunehmen ist – gesellt sich die Frage, ob M die Rehabilitation des arg ramponierten Images des MI6 gelingen wird. Denn Raoul Silva ist nicht nur ein ehemaliger Topagent, sondern auch ein Computergenie, das in die innersten Windungen des MI6-Zentralnervensystems eingedrungen ist und nun Woche für Woche die Identität von fünf  Geheimagenten über Youtube preisgibt.

In ästhetischer Hinsicht ist Skyfall ein wahrer Leckerbissen. Von der beeindruckenden Pre-Title-Sequenz, die von den Dächern des Istanbuler Basars bis hin zum tosend-tödlichen Wasserfall führt, über stimmungsvolle Lichtspiele im Glas der Hochhausfassaden von Shanghai bis hin zur Landschloss-Einsamkeit im schottischen Nebel: Die faszinierenden Szenerien für die bondschen Kampfeinsätze garantieren einen hochwertigen Kinogenuss. Regisseur Sam Mendes ist ein wahres Gesamtkunstwerk gelungen – vielleicht einer der besten Bond-Filme überhaupt.

Martin Mohr

 

 

Skyfall in den Augsburger Kinos:

>>  Cinemaxx  (City-Galerie)

>>  CineStar  (HBF)

 

Bildquelle: www.skyfall-movie.com

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