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Bürgerkrieg in Syrien: Auch die Christen leiden. Interview mit dem Assyrer Issa Hanna von der ADO Augsburg

September 19, 2012 Welt No Comments

Anlässlich der dramatischen Situation in Syrien hat augsburg2day den Assyrer Issa Hanna von der Assyrian Democratic Organization zum Bürgerkrieg in Syrien interviewt:

augsburg2day: Warum ist die Situation in Syrien so kompliziert und für Außenstehende so schwer zu verstehen?

Issa Hanna: Es sind jetzt 18 Monate vergangen seit Beginn des Arabischen Frühlings. Es ist richtig, dass sich für den Außenstehenden die Lage in Syrien als nicht überschaubar darstellt. Grund dafür ist, dass viele Informationen über die tatsächliche Situation nicht ausreichend übermittelt werden. Deshalb möchte ich Ihnen einige Informationen liefern, um ein übersichtliches Bild von der Lage zu schaffen:

Syrien hat insgesamt 24 Mio. Einwohner, die sich aus verschiedenen Ethnien zusammensetzen – Araber, Assyrer, Armenier, Kurden und Drusen. Die Bevölkerungsmehrheit stellen die Muslime, aber es leben auch über 3 Mio. Christen im Land. Die Amtssprache ist Arabisch, aber in unseren Sonntagsschulen oder auch zu Hause wird auch unsere alte Sprache, Assyrisch/Aramäisch gesprochen.

augsburg2day: Wie ist die Lage für einzelne Bevölkerungsgruppen, insbesondere auch für die Assyrer?

Issa Hanna: Die Medien berichten im Allgemeinen über die Sunniten und Alawiten in Syrien, vernachlässigen dabei aber die anderen Minderheiten, wie beispielsweise die christlichen Assyrer. Deshalb ist auch zu wenig über die Christen im Land bekannt.

Die Christen in Syrien sind ein indigenes Volk mit eigener Sprache und eigener Kultur, das seit über 5.000 Jahren in seinen ursprünglichen Heimatgebieten lebte und noch lebt. Als sie das Christentum annahmen, haben die Assyrer nicht nur im mesopotamischen Raum die Botschaft Jesu Christi verbreitet, sondern auch nach Übersee bis China.
Die Christen sind in ganz Syrien verstreut. Die Hauptsiedlungsgebiete sind die Provinz Hassake, Nordost-Syrien, aber sie leben auch in Aleppo Damaskus und Homs.
Über 50.000 Christen haben allein in den letzten Monaten ihre Häuser in der Provinz Homs verlassen, um entweder in den Nachbarstaat Libanon oder zu Verwandten in ihre ehemaligen Heimatdörfer zu fliehen.
Zahlreiche islamistische Gruppen haben ihre Häuser zerstört, besetzt oder geplündert. Auch von der Regierungsseite wurden Kirchen und Wohngebäuden vernichtet.

augsburg2day: Wie sehen Sie die Zukunft Syriens? Wie könnte Syrien in fünf oder zehn Jahren aussehen?

Issa Hanna: Nur wenn das Land in der Lage ist, die Existenz und Rechte der Minderheiten in der Verfassung zu garantieren, die angestrebten Rechte praktisch umzusetzen und zu schützen, in dem klar definierte, effektive Mechanismen eingesetzt werden, dann kann Demokratie und Stabilität des neuen Syrien auch verwirklicht werden. Dazu gehört auch, dass die Minderheiten anerkannt und gefördert werden mit ihren kulturellen Reichtümern einschließlich ihrer Sprache und spezifischen Fähigkeiten.
Dehalb wünschen sich die Christen nichts sehnlicher, als eine säkulare Regierung, die sich aus säkularen Kräften zusammensetzt.

augsburg2day: Stellen die Medien den Konflikt objektiv und neutral dar? Oder halten Sie die Berichterstattung in den Medien teilweise auch für falsch oder für subjektiv?

Issa Hanna: Die Medien berichten je nach eigener Interessenlage über die tatsächliche Situation. Sowohl die europäische als auch die arabische Berichterstattung gibt immer nur fragmentarisch das Geschehen preis. Darunter haben am meisten die Minderheiten zu leiden, insbesondere die Assyrer.
Bestimmte Teile der Bevölkerungsgruppen haben ihre Unterstützer, während die Assyrer nur sehr wenig Hilfe erhalten.
Deswegen erwarten wir von unseren Mitchristen in Europa, dass sie jetzt in dieser schwierigen Situation Solidarität gegenüber den Christen in Syrien zeigen – nicht nur in moralischer, sondern auch in politischer Hinsicht, damit die christliche Bevölkerung künftig eine stärkere Rolle in der Gesellschaft des Landes spielen kann.
Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine Ausrottung der Christen dort stattfindet. Das wäre nicht nur ein großer Verlust für Syrien und den Nahen Osten, sondern für das gesamte Christentum weltweit.
Die Politiker im Westen müssen sich für die assyrischen Christen jetzt besonders einsetzen. Das war leider bisher nicht der Fall, wenn man die Beiträge der führenden Medien analysiert.

augsburg2day: Vielen Dank für das interessante Interview, lieber Issa Hanna!

 

Bilderrechte: mit freundlicher Genehmigung von bethnahrin.de

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