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Ist der Islam Teil Deutschlands? Über eine sinnlose Debatte …

Juni 7, 2012 Kultur No Comments

Stellen wir die Frage doch einmal anders herum: Ist der Islam nicht Teil Deutschlands? Und wenn ja: Warum nicht? Kann er es nicht? Darf er es nicht?

Oder: Welche Bedingungen müssten erfüllt sein um sagen zu können: “Ja, der Islam ist Teil Deutschlands” bzw. “Nein, der Islam ist nicht Teil Deutschlands”? Geht es um die Anzahl der Gläubigen? Oder der Moscheen? Oder bedarf es einer Berücksichtigung im Grundgesetz (in dem aber – ganz nebenbei – auch nichts vom Christentum steht, sondern nur etwas von der “Verantwortung des Volkes vor Gott”)?

Und: Teil wovon? Teil des Staates? Teil der Kultur? Teil der Gesellschaft? Was ist “Deutschland” in diesem Zusammenhang?

Vielleicht bringt uns ja ein Variablentausch weiter: Setzen wir an die Stelle des “Islams” doch einmal eine andere Geisteshaltung – die “Tierliebe”: Ist die Tierliebe Teil Deutschlands? Hier würden wir wohl “ja” sagen, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft die Tierliebe pflegt und daraus eine Kultur macht, indem er selbst Tierhalter ist.

Wiederum auf den Islam bezogen würde das bedeuten: Ja, der Islam ist Teil Deutschlands, weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung (ca. fünf Prozent) aus Muslimen besteht und diese Religion bzw. Kultur auch pflegt.

Würde nun aber jemand einwenden, dass dieser Bevölkerungsanteil nicht groß genug sei um behaupten zu können, dass der Islam Teil Deutschlands sei, dann würde daraus folgen: Auch das orthodoxe Christentum der Ostkirche, der Baptismus, die Zeugen Jehovas, der Buddhismus und der Hinduismus sind nicht Teil Deutschlands. In was für einem kulturell armen Land wir doch leben!?

Armes Land, armselige Debatte: Wir sind nun offensichtlich bald wieder soweit, definieren zu müssen, was noch “deutsch” ist und was nicht mehr. Dabei glaubten wir doch bisher, diese unselige Diskussion überwunden zu haben.

Da wir nun zu der Erkenntnis gelangt sind, dass es sich im Grunde um eine sinnfreie Debatte handelt, müssen wir fragen: Wie bzw. warum entsteht diese Debatte?

Wenn sie keine rationale Grundlage hat, ist ihr Ursprung im Unterbewusstsein zu suchen: In der Angst vor der Überfremdung. In der Angst davor, diese der Mehrheit scheinbar fremde Kultur könne die “eigene” Kultur (was auch immer das sein mag) erobern. Denn welchen Grund gibt es sonst für eine Debatte über die Berechtigung oder Nicht-Berechtigung eines Gedankens – jawohl, lediglich eines Gedankens, durch dessen Bejahung doch keinerlei wirklich negative Folgen zu befürchten wären.

Positive Folgen hätte die Bejahung dieses Gedankens hingegen sehr wohl, nämlich das Signal an unsere muslimischen Mitbürger: “Ja, eure Kultur ist auch Teil der Kultur dieses Landes. Ihr seid in diesem Land willkommen!”

Die Ablehnung dieses Gedankens hat jedoch durchaus negative Folgen: Millionen unserer Mitbürger wird signalisiert, dass ihre Kultur nur eine geduldete Randkultur ist – ja dass sie selbst im Grunde weiterhin nur als eine geduldete Minderheit angesehen werden.

Die Feststellung “ja, der Islam ist Teil Deutschlands” würde hingegen schlicht und einfach einen Teil der gesellschaftlichen Realität abbilden, der Realität einer Gesellschaft, in der verschiedenste Kulturen überwiegend friedlich koexistieren, weil sie durch das Grundgesetz und durch eine weitestgehend funktionierende Demokratie dazu angeleitet werden – und sich darüber freuen, innerhalb dieses Rahmens ihre Kultur und Lebensweise leben zu dürfen.

Und da die allermeisten unser muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger diese Gesellschaftsform sehr zu schätzen wissen, werden sie letztlich auch keinen Grund darin sehen, sie zu ändern. Und aus diesem Gefühl heraus werden sie radikales und extremistisches Gedankengut auch viel stärker ablehnen, als wenn sie sich selbst abgelehnt fühlen.

Martin Mohr

 

 

 

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