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Ist die deutsche Literatur noch zu retten?

April 10, 2012 Kultur No Comments

In der deutschen Literatur haben sich immer wieder unpolitische Phasen mit Phasen der Einmischung in das Zeitgeschehen abgewechselt. Dem aufrührerischen Sturm und Drang folgte die versöhnliche Klassik, das weltflüchtende Biedermeier wurde durch den hochpolitischen deutschen Vormärz konterkariert und den stürmischen 1968ern folgte der Rückzug in die Neue Subjektivität, in das Persönlich-Private der postmodernen Popliteratur.

Als nun vor wenigen Tagen Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, drängte sich die Frage auf, ob dieser Versuch der Einmischung in das politische Geschehen denn als Startsignal für eine neue Epoche der schon lange nicht mehr besonders innovativen deutschen Literatur zu werten sei?

Gerne würden wir sagen, ja hoffen: Ja, das könnte ein Anfang sein! Das Problem daran ist nur: Dieser Versuch der Einmischung ist zu dilettantisch, zu unprofessionell, um ernst genommen werden zu können.

Wenn ein Autor nicht den Unterschied zwischen einem Präventivschlag und einem atomaren Vernichtungskrieg kennt, wenn er darauf verzichtet, sich ein genaues Bild über die Bedrohungslage im Nahen Osten zu machen, dann fällt es schwer, ihn für voll zu nehmen. Es ist nicht so, dass Israel Iran vernichten möchte, Herr Grass. Vielmehr ist Iran das Land, das die bloße Existenz des Staates Israel bestreitet und immer wieder betont, dass es diesen Staat gerne endgültig aus der Landkarte entfernen würde. Und man sollte auch nicht den Umstand ignorieren, dass Atomwaffen in den Händen eines totalitären Regimes, wie es in Iran de facto herrscht, nichts Gutes bedeuten – weder für den Nahen Osten noch für Europa. Es ist nicht die „Atommacht Israel“, die den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ bedroht (7. Strophe des Grass-Gedichts), sondern die Quasi-Atommacht Iran.

Nein, es sollte nicht verboten sein, über Israel zu sprechen und die Israelis für ihr Tun zu kritisieren. Wenn jemand Israel kritisiert, ist er deshalb noch lange kein Antisemit. Aber es geht hier nicht um ein Tabu, das endlich gebrochen werden müsste. Es geht vielmehr um aufklärerische „Vernunft“, Herr Grass: Um das notwendige Maß an Scharfsinn und Hintergrundwissen.

In diesem Kontext muss das Urteil über den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur vernichtend ausfallen: Wenn das alles ist, was unsere größten, Nobelpreis-dekorierten Dichter zu bieten haben, dann ist die deutsche Literatur in ihrer Entwicklung wohl an einem vorläufigen Tief- oder gar Endpunkt angekommen.

Zu Beginn der sechsten Strophe seines Gedichts fragt Günter Grass: „Warum schwieg ich bislang?“. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn er zu diesem Thema auch weiterhin geschwiegen hätte.

Martin Mohr

( Bild: Wikimedia Commons )

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