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Natascha Kampusch – Ein Opfer der Medien

Dezember 3, 2021 Uncategorized No Comments

„Es war klar, nur einer von uns würde überleben.

Und am Ende war ich es“ ~Natascha Kampusch, 3096 Tage

Es ist kurz vor 13 Uhr am 23. August 2006. Eine junge Frau rennt panisch durch Schrebergärten, auf der Suche nach Schutz. Ist er schon hinter ihr? Hat er sie schon eingeholt? Da sieht sie plötzlich eine alte Frau in einem der Gärten und steigt über den Zaun zu ihr. „Bitte helfen sie mir! Rufen sie die Polizei!“, schreit sie der alten Frau entgegen. Sie ist ängstlich, kann sich nicht beruhigen. Die Zeit, in der sie auf die Polizei wartet, fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Dann aber sieht sie das Blaulicht, zwei Polizisten steigen aus dem Auto und kommen auf sie zu. „Bleiben sie, wo sie sind, und heben sie ihre Arme hoch!“, ruft der Beamte. Sie macht, was von ihr verlangt wird, und geht auf die Polizisten zu. Sie sagt: „Mein Name ist Natascha Kampusch, sie müssen von meinem Fall gehört haben.“

Ganz Österreich ist in Aufruhr. Die junge Dame, der die Flucht gelungen ist, wurde als 10-Jährige auf dem Schulweg von einem Mann in einen weißen Van gezerrt und entführt. Acht Jahre lang hielt Wolfgang P. sie in einem Keller, den er unter seiner Garage gebaut hatte, gefangen. So einen Fall gab es in Österreich bisher noch nicht. 3069 Tage1 hatte Natascha ihrem Entführer wie eine Leibeigene gehorchen und für ihn den Haushalt schmeißen müssen. Sie musste ihn mit „Mein Gebieter“ ansprechen und wurde verprügelt, wenn sie nicht richtig putzte oder ihr Verhalten ihm grad nicht passte. Er kontrollierte äußerst genau ihre Essensportionen, bis sie nur noch knapp über 40kg wog. Kurz nach ihrer Flucht begeht Wolfgang P. Selbstmord.

Auf den ersten Fotos, die direkt nach Nataschas Vernehmungen gemacht werden, hat sie eine Decke über den Kopf, denn noch möchte sie sich nicht zeigen. Die ersten paar Tage nach ihrer Flucht verbringt sie in einem Wiener Krankenhaus, wo ein Team aus Psychologie-, Medien- und Rechtsberatern sich um sie schart. Die ganze Welt hat Interesse an ihrem Fall. Über 3000 Medienanfragen gehen bei dem Team ein. Gleichzeitig überströmt Natascha eine Welle der Hilfsbereitschaft

Bild 1

In dieser Zeit verfasst Natascha ihre Gedanken zum Teil auf kleinen Zetteln. Ihr Psychiater liest diese in einer Pressekonferenz am 30. August vor. Sie hat sie mit Natascha für die Öffentlichkeit zu einem Brief zusammengefasst:

„(…) Er war nicht mein Gebieter. Ich war gleich stark, aber (…) er hat mich auf Händen getragen und mit den Füßen getreten. Er hat sich aber (…) mit der Falschen angelegt (…)“

Dies teilt sie der Öffentlichkeit mit. Sie bittet auch darum, ihre Privatsphäre zu akzeptieren. Intime Details und Fragen werde sie nicht beantworten. Sie weiß Bescheid um die Ungeduld der Journalisten und bittet daher: „Lasst mir Zeit, bis ich selbst darüber berichten kann“

An Spekulationen ändert das aber nichts. Medien wagen zu behaupten, sie wüssten, wie es Natascha gerade ginge, mit welchen psychischen Folgen sie zu kämpfen hat und erstellen sogar Phantombilder darüber, wie sie wohl heute aussehe. Natascha versteht nicht, warum andere Menschen versuchen ihre Geschichte zu erzählen. Und obwohl sie weitestgehend von der Außenwelt abgeschnitten ist, bekommt sie das alles trotzdem mit. Auf dem Klinikgelände tummeln sich tagtäglich Journalisten und Fotografen, die sich erhoffen Natascha zu Gesicht zu bekommen. Für das erste Foto von ihr werden den Paparazzi hohe Summen geboten.

Am 3. September folgt auf Nataschas Bitte an die Medien, ihr Zeit zu lassen, eine Antwort. Von den Medien. Genauer gesagt vom Redakteur der Frankfurter Sonntagszeitung Harald Staun.3  Hier ein Zitat:

„(…) Sie appellieren an unsere Moral und für den Moment mag es so aussehen, als hätte ihre Bitte Erfolg. Doch täuschen sie sich nicht. (…) Wir machen uns aus den wenigen Details ein Bild, wir machen aus jedem Satz eine Geschichte. (…) Wir lesen zwischen den Zeilen, bis wir finden, was wir suchen. Wir reden mit Experten, bis sie sagen, was wir hören wollen.“

Das Ganze ist eher als Medienkritik zu verstehen und doch fällt es einem schwer zu glauben, dass dies nicht ernst gemeint sein soll:

„(…) Sie wollen wissen, warum wir so sind? Warum wir Sie nicht einfach in Ruhe lassen können, Ihnen Zeit geben, bis Sie die Kraft haben, Ihre Geschichte zu erzählen? Und im Zweifelsfall sogar akzeptieren, wenn Sie es vorziehen, zu schweigen? Die raffinierte Antwort lautet: Wir glauben, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren – ob Sie das wollen oder nicht.(…)“

Harald Staun findet Worte für das, was Natascha schon die ganze Zeit denkt: Acht Jahre lang wurde mein Leben von jemand Fremden kontrolliert und jetzt kontrolliert es die Öffentlichkeit.

Der Druck wird ihr schließlich zu groß. Knapp zwei Wochen nach ihrer Flucht wird bekannt gegeben, dass sie ein aufgezeichnetes Interview geben wird. Dabei wird sie entweder hinter einer Schattenwand sitzen oder verpixelt werden, vermuten die Medien.

Als am 6. September um 20.15 Uhr das Interview gesendet wird4, schaut die ganze Welt auf Österreich. Der Moderator Christoph Feuerstein kennt sich gut mit diesem Fall aus, Natascha und ihr Team haben ihn auch deswegen ausgesucht. Entgegen allen Vermutungen sitzt ihm gegenüber aber keine verschleierte Natascha, sondern eine junge, freundliche Frau die nur ihre Haare mit einem Tuch verdeckt hat.5

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Ziemlich selbstbewusst antwortet sie auf die erste Frage wie es ihr denn ginge: „Gut, den Umständen entsprechend gut.“ Sie ist sehr wortgewandt, schließt aber immer wieder ihre Augen, die noch nicht an grelles Licht gewöhnt sind. Von jemandem, der acht Jahre lang den Kontakt zu nur einer Person hatte, ist kaum eine Spur. Das erwartet man so nicht.

Die Medien auch nicht. Die Reaktionen auf dieses Interview sind sehr gespalten. Viele geben ihr eine Mitschuld, doch warum eigentlich?

„Wenn Menschen eine These hören, (…) dann setzt sich das in ihrem Kopf fest und sie beginnen es eher (…) zu glauben“, so Lydia Benecke, Kriminalpsychologin. „Gerade bei schweren Straftaten haben die Menschen eine Vorstellung wie sich ein Opfer (…) verhalten sollte. Sie stellen sich nicht jemanden vor der sehr gefasst sprechen kann, der stark wirkt (…).“

Dabei geht es kaum um den tatsächlichen Täter: Wolfgang Priklopil. Er wurde am 14. Mai 1962 in Wien geboren, wuchs in einer nach außen gut bürgerlichen Mittelstandfamilie auf. Im Urlaub ging es – typisch für die 60er und 70er Jahre – an die Adria und als die Familie auch noch ein Grundstück in einem 7000 Seelen Ort erbte, baute sie ein Einfamilienhaus.

Der Entführer: Wolfgang Priklopil

Der Entführer: Wolfgang Priklopil

In der Schule war Priklopil als braver, streberhafter Schüler bekannt, welcher immer seine Hausaufgaben erledigte und gut vorbereitet war. Als Einzelkind wuchs er gut behütet auf und da die Familie finanziell gut abgesichert war, musste er selbst nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1989 keinen Job annehmen. Mit Anfang 20 zog er aus dem gemeinsamen Haus in Strasshof aus und quartierte sich wenige Kilometer davon entfernt in einer kleinen Wohnung in der Rugierstraße in Wien-Donaustadt ein. Nach wie vor kochte Waltraud Priklopil für ihren Sohn, sie machte ihm die Wäsche und putzte ihm die Wohnung. Sie verbrachten die meisten Abende miteinander, entweder in Wien oder in Strasshof, an den Wochenenden machten sie mit dem Auto Ausflüge ins Umland. Einige Jahre später zog er zurück nach Strasshof. Die beiden lebten eine Zeit lang unter einem Dach, dann zog die Mutter aus und in die kleine Wohnung in der Rugierstraße, die noch immer der Familie gehörte. Waltraud Priklopil fuhr von Wien-Donaustadt nach Strasshof, putzte das Haus und kümmerte sich um den Garten, bevor sie nach Wien zurückkehrte, bereitete sie ihrem Sohn Essen für die nächsten Tage zu. Dies tat sie Woche für Woche bis zum 23. August 2006.

Ihr Sohn hatte Natascha Kampusch achteinhalb Jahre unter der Erde eingesperrt, hinter einer schweren Stahltür zwischen ihrem kleinen Zimmer und der Montagegrube der Garage.

Die beiden Frauen haben sich nie gesehen, auch wenn das für die Ermittler zunächst unwahrscheinlich klang.  Obwohl sie ihrem Sohn vertraut war, ahnte die Mutter nichts von dessen Doppelleben – das bestätigte Natascha Kampusch bei ihrer polizeilichen Vernehmung. Priklopil, der immer ein wenig einsam war, agierte als Einzeltäter und hat sich im Laufe der Jahre einige Strukturen geschaffen, damit sein Plan tatsächlich funktioniert. Er überlegte alles sehr genau. Lebensmittel kauft er grundsätzlich nur in Supermärkten in Wien ein, um Diskussionen im Vorort zu vermeiden, denn Priklopil kaufte immer für zwei Personen ein. Der Müll, der offensichtlich Natascha Kampusch gehörte, wurde von Priklopil täglich getrennt gesammelt und in Großcontainern entsorgt.

Knapp acht Stunden nach der Flucht von Natascha Kampusch, wirft sich Wolfgang Priklopil vor einem Zug. Sein Tod hat für sie Folgen, denn dadurch fehlt eine Projektionsfläche für das Grauen dieser Geschichte, so Lydia Benecke.

Hier noch ein Videotipp über diesen Fall: https://youtu.be/c_QFClv0sfc

 

Patricia Schwartz

 

 

Quellen:

1 3096 Tage ist auch ein Film (siehe Netflix) nach dem gleichnamigen Buch von Natascha Kampusch.

2 Nataschas Brief an die Öffentlichkeit,                                                                                                                                                                          https://rp-online.de/panorama/ausland/nataschas-brief-im-wortlaut_iid-11416631

3 Harald Stauns originelle Antwort auf Nataschas Brief:                                 https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/entfuehrungsfall-kampusch-unsere-neugier-ist-grenzenlos-1355543.html

4 Spiegel Artikel von 05.09.2006, ein Tag vor dem 1. Interview:                                                       https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kampusch-interview-heikle-fragen-sind-tabu-a-435270.html

5 Natascha Kapusch 1. Interview in voller Länge: https://youtu.be/J8yZI5Ji280

Sonstige:

Der Fall, Informationsquelle + Zitate von Lydia Benecke: https://youtu.be/c_QFClv0sfc

Mordlust, True-Crime Podcast immer empfehlenswert ;-), Hauptinformationsquelle:      https://open.spotify.com/episode/7kBqfXGUQR6RC9T2267LMy?si=fNy2ZZ5CSXeVBVi9Fy0hnA

Stern, Natasch Kampusch Informationen:                                                                                                         https://www.stern.de/politik/ausland/natascha-kampusch-eine-gefangene-ihres-schicksals-3329018.html

Tagesspiegel, Hauptinformationsquelle über Wolfgang Priklopil: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/wer-war-wolfgang-priklopil-natascha-kampusch-und-der-stille-nachbar/1009872.html

Bildquellen:

Bild Wolfgang Priklopil: https://pt.wikipedia.org/w/index.php?curid=4008924

Bild Natascha Kampusch mit der Decke: https://lh5.googleusercontent.com/proxy/m4QeErqrEUk-cHw6eLr8qfKDymwf9ApfRabfi6kJX6u_jQKXHBweoAKFJY6DUWTKCHiGIbSmdTn9gP3JbdrVv5syiMW9t6cQevJY9KbFmWRPPPdGT-SyZ1UWxfKVqUMzghXD7CxL=w1200-h630-p-k-no-nu

Bild Natascha Kampusch 1. Interview:                                                                                                                                                                           https://api-tvthek.orf.at/uploads/media/segments/0007/36/6c57a18305e3096ea78036fa5eeeb3ffcfe85b74.jpeg

 

 

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