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Viator – Miss Rosa Parks

März 6, 2019 Kultur, Literatur, Society, Welt No Comments

Zitternd blickte er auf seine Armbanduhr und vergrub seine Hände in seinen Jackentaschen. Mit seinen Fingern tastete er nach dem Notizheft und dem Stift, seine wichtigsten Utensilien. Sie waren noch da. Gut. Er wollte nichts in Vergessenheit geraten lassen. Er beobachtete seinen gefrorenen Atem dabei, wie er nach oben stieg, als er Schritte neben sich hörte. Mit einem Seitenblick betrachtete er die ältere Frau neben ihm und lächelte.

Unverkennbar, es war Rosa Parks.

Instinktiv hielt er den Stift in seiner Jackentasche fester. Er hatte schon einige Ereignisse notiert, jedoch waren es nur Reden von berühmten Politikern. Das hier würde bis jetzt sein spannendstes Geschehen sein, in welchem er Augenzeuge sein durfte.

Rosa Parks zusammen mit Martin Luther King (um 1955)

Rosa Parks zusammen mit Martin Luther King (um 1955)

Vorfreude machte sich in ihm breit, jedoch trat auch sein schlechtes Gewissen ein.

Er würde nicht einschreiten dürfen, das war die Regel. Er war nur ein Gaffer.

Er zögerte kurz, konnte jedoch nicht widerstehen sie anzusprechen.

,,Ganz schön kalt, nicht wahr, Ma’am?“, meinte er, in der Hoffnung, dass die Dame auf das Gespräch eingehen würde.

Er konnte für den Bruchteil einer Sekunde Überraschung in ihren müden Augen erkennen. Er konnte es nachvollziehen. In dieser Zeit hatten es Afroamerikaner nicht einfach, vor allem nicht in Alabama.

,,Auf jeden Fall. Es ist zwar erst Anfang Winter, aber es fühlt sich an wie die nächste Eiszeit“, erwiderte sie ruhig.

Er schnaubte belustigt, seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben.

,,Da haben Sie recht! Würde es doch wenigstens schneien…“
Wie als würde er plötzlichen Schnee erwarten, blickte er für ein paar Sekunden in den dicht bewölkten Himmel, welcher durch die Dunkelheit kaum zu erkennen war.
Sie hob eine Augenbraue und schmunzelte.

,,Ich kenne nicht viele erwachsene Männer, welche Schnee mögen.“
Er zuckte mit den Schultern und kratzte sich an seiner Schläfe. Seine Hand wanderte direkt wieder in das warme Innere seiner Jackentasche.

,,Meine Mutter sagte mir immer, dass ich ein wenig anders als die Anderen sei. Vielleicht lag sie damit sogar richtig.“

,,Das bedeutet nicht immer etwas Schlechtes. Vielleicht kann man damit sogar etwas erreichen, was die Anderen nie erreicht hätten.“
Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.
Wenn Sie nur wüssten, dachte er sich.

Der Bus kam, vorne und hinten öffneten sich die Türen. Miss Parks stieg wie verlangt hinten ein. Er benutzte die vordere Tür, warf die Münzen für das Ticket ein und setzte sich in der mittlere Reihe an das Fenster, auf die Sitzbank neben Rosa. Er holte sein Notizheft heraus und schlug die erste Seite auf. Das Heft hatte schon fast keinen Platz zum Schreiben, er musste sich bald ein neues besorgen. Er fing an zu schreiben.

Rosa Parks, 1. Dezember 1955

Gespannt lehnte er sich zurück und wartete, den Stift in seiner Hand kreisen lassend.

Die Fahrt verlief still, eine junge Dame setzte sich neben ihn. Er ließ sich nicht beirren und lehnte sich nach vorne, um Parks besser im Auge behalten zu können.

Er tippte mit seinem Stift einen bestimmten Takt, welchen er einst aufgeschnappt hatte. Er kam aus den Neunzigern, so vermutete er. Vielleicht war es Michael Jackson.

Er atmete tief durch als er bemerkte, dass der Bus schon fast voll war.

Gleich ist es so weit, dachte er.

Der Bus hielt abermals ein, eine Person stieg ein, konnte aber anscheinend keinen Platz finden. Zwar war neben Rosa noch ein Platz frei, doch die Rassentrennung verhinderte, dass ein Weißer in einem Bus neben einem Schwarzen saß.

,,Einer braucht Platz.“, rief der Busfahrer in die Runde, jedoch wusste jeder, dass er damit die Afroamerikanerin meinte, welche allein auf einer Sitzbank saß. Nirgendwo anders war Platz.

,,Ich sagte, dass hier eine Person Platz braucht.“, meinte der Fahrer diesmal lauter, jedoch wurde er ignoriert.

Rosa musste ihren Platz räumen, das war die Regel.

Der Atem des Mannes, welcher alles mitschrieb, war flach, seine Ohren zuckten leicht, wie gebannt betrachtete er das legendäre Ereignis, während er nebenbei mitschrieb. Er stockte, legte seine Stirn kurz in Falten und versuchte sich an den Namen den Fahrers zu erinnern. Er erwachte schnell blinzelnd aus seiner Starre und schrieb unter seinen letzten Notizen weiter, die Spannung im Bus, blendete er für einen kurzen Moment aus.

James Blake – Busfahrer

Zwar wusste der Beobachter das alles schon, dennoch war es ein spannendes Gefühl mitten im Geschehen zu sein.

Es war für ihn kein Zeitvertreib mehr, inzwischen war es seine Leidenschaft.

Die Vergangenheit war für ihn zu spannend, sie zog ihn wie ein Magnet an.

,,Die Dame im mittleren Abschnitt, stehen Sie bitte auf“, wurde er wieder aufmerksam gemacht. Der Busfahrer blickte die Frau durch den runden Spiegel über ihm ungeduldig an. Parks schaute Blake kurz an, ignorierte ihn dann weiter. Der Mann in der mittleren Reihe schrieb alles mit, die aufkeimende Wut in ihm mit einem wippenden Fuß so gut es ging unterdrückend.

Er musste es geschehen lassen, sonst würde es fatale Folgen auf die Zukunft haben.

James Blake stand schnell auf und stampfte auf sie zu.

,,Stehen Sie auf!“, befahl er, sein Blick wütend und düster.

Der Mann in der Sitzbank nebenan setzte den Stift ab. Sein Herz pochte laut in seinen Ohren und er war sich sicher, dass es Parks nicht anders, wenn nicht sogar noch schlimmer erging.

Er lächelte leicht und hörte auf, mit seinem Fuß zu wippen, als Rosa Parks provokativ den Kopf schüttelte, dem Fahrer fest in die Augen blickend.

Eine Heldin.

=>Busboykott von Montgomery, erster Schritt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, schrieb er eifrig weiter.

Der Busfahrer stürmte nach einem kurzen Moment der Verwunderung aus dem Bus in die nächstgelegene Telefonzelle, um die Polizei zu rufen.

Der Beobachter stieg ebenfalls aus dem Bus, noch einen letzten Blick auf die Ikone werfend. Er wusste, wie es weiterging, mehr brauchte er nicht. Sie würde wegen Störung der öffentlichen Ruhe verhaftet werden, anschließend zehn Dollar Strafe und vier Dollar Gerichtskosten bezahlen.

Er schloss den Reißverschluss seiner Jacke und drehte sich im Laufen um.

Bus Nummer 2857

Damit ließ er den Stift das vorerst letzte Mal über das raue Papier gleiten und vergrub seine Hände wieder in seinen Jackentaschen, seine Schreibutensilien immer noch festhaltend.

Er lief weiter, ein melancholisches Lächeln lag auf seinen Lippen.

Es würde ihr gut gehen, da war er sich sicher.

 

 

~Selina Akannac, 10C

 

 

(Bildrechte: https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Parks#/media/File:Rosaparks.jpg – gemeinfrei)

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