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Der Tiefseefriedhof

Januar 11, 2019 Kultur, Society, Welt No Comments

Viele Menschen träumen davon, einmal in ihrem Leben an einer Kreuzfahrt teilzunehmen. Doch so eine Reise kann auch in einer kleinen oder gar großen Katastrophe enden, nämlich auf dem tiefen, dunklen Grund der sieben Weltmeere. Wie muss sich der langsame markzerrüttende Tod in kaltem Salzwasser anfühlen, bei dem die pulsierende rote Flüssigkeit in jedem einzelnen Gefäß beginnt zu erstarren und der Herzmuskel langsam anfängt zu krepieren. Diese Erfahrung ist vermutlich in keiner Hinsicht empfehlenswert. Die kalte einfrierende Masse umfasst den menschlichen Körper und leitet allmählich schleichend die Hypothermie ein, die unausweichlich unter immer geringer werdenden Schmerzen zum Versinken in die Tiefen des schwarzen Lochs führt.

Bild1: Stark beschädigtes Schlachtschiff auf offener See

Bild 1: Stark beschädigtes Schlachtschiff auf offener See

 
Besonders erschreckend mag dies erscheinen, wenn man durch sein eigenes Ableben dem Rest der Menschheit in  erheblichem Maße schadet. Wem dies nun als eine Art fiktive Geschichte erscheint, der weiß sicherlich nicht, dass der hier geschilderte Sachverhalt wirklich tagtäglich in der realen Welt auftritt. Mit dem oben genannten Schaden ist in dieser Hinsicht nichts Geringeres als Atommüll gemeint, der sich tonnenweise in Stahlbüchsen auf dem Grund der nordischen Eismeere stapelt und nur darauf wartet, dass eines Tages die braun gerostete Hölle bricht und ihren düsteren Inhalt freigibt, der wiederum das Leben vieler Millionen Menschen gefährdet.

Uneingeschränkter U-Boot-Krieg

Zum Verständnis müssen an dieser Stelle die Hintergründe dessen, worum es eigentlich geht, beleuchtet werden. Wenn der Begriff Tiefsee fällt, ist anzumerken, dass in diesem äußerst lebensfeindlichen Umfeld sonst nichts anderes lebt als speziell angepasste Tiere und Pflanzen, die in  ihrer Lebensweise vor allem auf das Sparen von Energie und das ausschließliche Warten auf Beute ausgelegt sind. Nur teilweise dringt ein menschliches Lebewesen in diese sonst ruhige und nahezu tödliche Atmosphäre ein, was nur unter der Nutzung der wohl jedem bekannten Unterseeboote, kurz U-Boote, möglich ist. Die meisten dieser Stahlungetüme werden deshalb auch aus militärischen Gründen gebaut, da sie die teilweise die einzige Möglichkeit sind unbemerkt hinter feindliche Linien  zu gelangen und Schiffe dort zu torpedieren. Während des ersten und zweiten Weltkriegs waren vor allem deutsche U-Boote eine gefürchtete Waffe gegen alliierte Versorgungsschiffe, die somit sogar in der Nähe der amerikanischen Küste von den „grauen Wölfen“ auf den Grund befördert wurden.

Der Kalte Krieg

Diese Zeiten sind jedoch schon längst vergangen. In unserer heutigen Welt kommt den schwarzen Kolossen eine völlig neue Bedeutung zu, da seit dem 6. und dem 9. August 1945 nicht nur die Angst vor der Unsichtbarkeit des Gegners eine Rolle spielt, sondern nun hauptsächlich die Furcht vor dessen Bewaffnung. Die Rede ist in  diesem Fall natürlich von Kernwaffen, die an den beiden Daten erstmals gegen die beiden japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden. Doch auch nach dem 2. Weltkrieg konnte man keineswegs von einer Entspannung der weltweiten Lage sprechen, denn der eigentliche Konflikt, der die Welt nahe an den Abgrund bringen sollte, brach kurze Zeit später aus. Im Jahre 1949 nämlich hatten sich die Feindseligkeiten zwischen den USA und der Sowjetunion so stark zugespitzt, dass man im Nachhinein vom „Kalten Krieg“ spricht, also einem Krieg, in dem sich das politische Klima zwischen West und Ost dermaßen verschlechterte, dass sich die beiden Weltmächte schon auf den nuklearen Erstschlag des jeweiligen Gegners durch die eigene Aufrüstung in Sachen Atomwaffen und Bunkern vorbereiten. Im Jahre 1983 konnte der sonst sichere Weltuntergang durch den russischen Oberstleutnant  Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow verhindert werden.

 

Bild 2: Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow  (* 7. September 1939 in Tschernigowka bei Wladiwostok; † 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau)

Bild 2: Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (* 7. September 1939 in Tschernigowka bei Wladiwostok; † 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau)

 

Diesem Mann allein gelang es nämlich den Ausbruch des dritten und letzten Weltkriegs zu verhindern. Als am 26. September 1983 ein Alarm im Serpuchow-15-Bunker bei Moskau ein Nuklearalarm einging, lag die Entscheidung, sofortige Gegenmaßnahmen einzuleiten, bei ihm. Das sowjetische Raketenfrühwarnsystem meldete an diesem Herbstmorgen eine im US-Bundesstaat gestartete Interkontinentalrakete, die direkt auf die UdSSR zusteuerte. Zum Glück hielt Petrow diese Meldung für unwahrscheinlich, weil ein Erstschlag nicht durch eine einzige Rakete begonnen werden würde, was russische Raketenstarts verhindern konnte.

Die Altlast

Nach diesem Abstecher in die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte ist es nun an der Zeit, sich mit den Folgen des nuklearen Wettrüstens zu beschäftigen. Die Raketen und Torpedos, die damals die Weltbevölkerung zu vernichten drohten, sind heute immer noch durchaus eine reale Bedrohung. Auch wenn kein böswilliger Zerstörungswille mehr dahintersteckt, sollte man sie nicht aus dem Gedächtnis verlieren. Sie gefährden uns alle nicht nur in irgendeiner Form von äußerlicher Gewalt, sondern schaden uns langsam und das über Monate, Jahre gar Jahrzehnte und Jahrhunderte. Zudem ist zu bedenken, dass diese Gefahr nicht einfach beseitigt und nicht einmal gehört, gesehen oder gerochen werden kann. Dazu kommt, dass niemand recht etwas damit zu tun haben will. Bei dieser Gefahr handelt es sich nämlich um nichts geringeres als radioaktive Altlasten längst verschollener Kriegswaffen, die im Laufe des Kalten Krieges an Bord von havarierten sowjetischen U-Booten oder Militärschiffen auf den Grund der Weltmeere sanken und dort seither geduldig warten, bis eines Tages ihre einzige nur einige Zentimeter dicke stählerne Außenhaut vollends durchgerostet ist, um ihre immer noch Tod bringenden Inhalte freizusetzen. Hierzu zählen neben Kernwaffen auch die Kernreaktoren untergegangener Atom-U-Boote. Dies kann jederzeit geschehen. Jedoch werden wir alle es erst viel zu spät merken, wenn wir schon konterminiertes Material in Form von Nahrung zu uns genommen haben. Das klingt unwahrscheinlich? Nein, keineswegs! Mit jedem Stück Fisch, das wir Verbraucher in ganz Europa im Supermarkt kaufen, steigt die Gefahr nachträglich ein Opfer des kalten Krieges zu werden.

 

Bild 3: U-Boot der Typhoon-Klasse, welche mit Atomraketen und Nuklearreaktoren bestückt war

Bild 3: U-Boot der Typhoon-Klasse, welche mit Atomraketen und Nuklearreaktoren bestückt war

 

Der Untergang

In diesem Zusammenhang bietet es sich an auf ein explizites Beispiel näher einzugehen.

Bild 4: K-219, Russisches U-Boot der Yankee-1-Klasse

Bild 4: K-219, Russisches U-Boot der Yankee-1-Klasse

Das in Bild 4 dargestellte russische U-Boot, die K-219 der Yankee-1-Klasse, sank am 6. Oktober 1986 im Atlantik östliche des Bermuda-Dreiecks. Anfangs führte ein Wassereinbruch im Raketensilo 6 zur Bildung von Salpetersäure, die letzten Endes die Hülle der nuklearen Interkontinentalrakete angriff. Als man versuchte den Raketenschacht in 50 Metern Tiefe zu entlüften und die Rakete auszustoßen, entzündete sich das entstandene Gas und brachte den Raketenmotor zur Detonation, weshalb das Silo und die darin enthaltenen Nuklearsprengköpfe, wie es im Bild zu sehen ist, stark beschädigt wurden.

 

Bild 5: Eine Trident II D-5 (eine Mittelstreckenrakete, die einen Nuklearsprengkopf transportiert) wird von einem U-Boot aus gestartet.

Bild 5: Eine Trident II D-5 (eine Mittelstreckenrakete, die einen Nuklearsprengkopf transportiert) wird von einem U-Boot aus gestartet.

Als das U-Boot bis auf 350 Meter absank, gelang es Besatzung, dieses durch ein Not-Auftauch-Manöver zurück an die Wasseroberfläche zu befördern. Das Unglück blieb natürlich nicht von den amerikanischen Behörden unbemerkt, weshalb es überdurchschnittlich gut dokumentiert werden konnte, während die Matrosen gegen die bevorstehende Kernschmelze ankämpften. Die darauffolgenden Abschleppversuche von Seiten der USA blieben erfolglos. Als die Besatzung letztlich Befehle aus Moskau erhielt, die sofortige Rückkehr nach Russland anzutreten, versank es auf 5500 Meter Tiefe, also den Grund des Atlantiks, von wo es bis heute nicht geborgen werden konnte. Der Kapitän namens Britanow wurde kurz darauf lebend an Bord eines Rettungsfloßes gefunden. Man geht davon aus, dass er sich durch ein Torpedorohr gerettet hat, nachdem er Anweisungen zum Versenken des U-Bootes gegeben hatte. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass er von der Hinrichtung der gesamten Besatzung bei einer Rückkehr nach Russland ausging. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wurde er des Hochverrats und der Sabotage angeklagt und erst im Mai 1987 vom Verteidigungsminister Dmitri Jasow persönlich in allen Anklagepunkten freigesprochen. Vier andere Crewmitglieder hatten dabei weniger Glück. Für den Waffenoffizier Alexander Petratschkow, den Maschinist Igor Chartschenko, den Waffenmaat Nikolai Smogljuk und den Reaktortechniker Sergej Preminin sollte die K-219 ihre letzte Ruhestätte in der Tiefsee werden.

Bis heute liegen allein in diesem U-Boot 14 nukleare Interkontinentalraketen mit 30 Atomsprengköpfen mit rund 91 Kilogramm radioaktiven Materials sowie zwei Kernreaktoren auf dem Meeresgrund, welche russischen Quellen zu Folge durch den Druck und die Explosion vor dem Untergang zerstört worden sind. Obwohl Wissenschaftler davon ausgehen, dass das Einsinken des U-Boots in eine Art Lehmschicht den Austritt von größeren Mengen an Radioaktivität verhindern kann, ist über weiterreichende Folgen auf die Nahrungskette nichts Näheres bekannt.

Heute stellt der von diesem Unglück betroffene Teil des Atlantiks eines der wichtigsten Fanggebiete für Heringe, Makrelen, Kabeljau, Schellfisch, Rotbarsch und Lodde dar und ist von enormer wirtschaftlicher Bedeutung für alle angrenzenden Länder.

Dieses Beispiel zeigt erneut, wie sich die Menschheit durch Krieg und Machtstreben neue Probleme schafft, die sie auf lange Sicht betrachtet durchaus stark gefährden können.

 

 

von Philipp Kilg

 

 

 

Bildquellennachweis:

Bild 1: http://jasta99.de/include/images/usergallery/img_3406.jpg

Bild 2: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/67/Stanislaw-jewgrafowitsch-petrow-2016.jpg/548px-Stanislaw-jewgrafowitsch-petrow-2016.jpg

Bild 3: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/05/Akula_%28Typhoon%29_class_submarine_DD-ST-85-06625.jpg

Bild 4: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/K219-DN-SC-87-00808.JPEG

Bild 5: https://media.defense.gov/2016/Jun/13/2001553085/600/400/0/140602-N-ZZ999-202.JPG

 

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