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Japans Schattenkrieger – Die Ninja

April 16, 2014 Foto & Kunst, Kultur No Comments

Japans Schattenkrieger – Die Ninja

 

 

Ninja, eine der gefährlichsten Spezialeinheiten Ostasiens, sind heute in aller Welt bekannt. Als Actionhelden in der modernen Popkultur sind sie längst zum Mythos geworden. In zahlreichen Filmen und Comics werden den geheimnisvollen Kriegern stets übermenschliche Kräfte angerechnet, mit denen sie dann in epischen Kämpfen gegen ihre Feinde antreten. In „Naruto“ zum Beispiel können die Ninjas sogar die Elemente beherrschen und nutzen eine Art Magie, um ihre Feinde zu täuschen.

 

 

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In ihrem Heimatland Japan genießen die Ninja einen recht zweifelhaften Ruf. Dort würde man nicht gerne zugeben wollen, einen Ninja als einen seiner Vorfahren zu haben, denn in Japan gelten sie als Diebe und Mörder.

Doch wie waren diese Kämpfer wirklich? Waren sie damals tatsächlich Diebe?

Wann genau die Ninja auf der Bildfläche erschienen, lässt sich nicht genau bestimmen, da es nur sehr wenige Aufzeichnungen über sie gibt.

Sicher ist, dass diese speziell ausgebildeten Krieger in Familienclans als gefürchtete Spezialeinheiten im ganzen Land operierten. Und die Kriegsfürsten, die im Jahre 1560 um die Vorherrschaft rangen, nachdem der alte Shogun die Kontrolle über Japan verloren hatte, nahmen ihre Dienste gerne in Anspruch. Sie unterschrieben streng geheime Verträge, nicht einmal ihre Familien wussten, wo sie gerade im Einsatz waren. Hauptsächlich hatten die Ninja drei Aufgaben: Spionage, Unterwanderung und Brandstiftung. Dazu kamen Auftragsmorde und Chaosstiftung innerhalb der gegnerischen Linien in der Uniform des Feindes. Öffentlich gaben die Samurai nicht zu, dass sie Ninja einsetzten. Es verstieß gegen ihre Ehre ihre Gegner hinterrücks zu attackieren oder ihre Burgen anzuzünden. Diese Abneigung und Verachtung gegen die Ninja, kann man besser verstehen, wenn man sich mit dem Ehrenkodex der Samurai auseinandersetzt. Dieser verlangt nämlich einen offenen Zweikampf zwischen zwei Ehrenmännern ohne Tricks und bis zum Tod. Ninja dagegen taten genau das Gegenteil und waren dabei die besten ihres Gebietes.

Die Elite innerhalb der Ninja waren dabei die sogenannten „Iga“. Wir schreiben das Jahr 1560. Die dortige Bergkette in Iga war zu dieser Zeit Zufluchtsort für viele Flüchtlinge, abtrünnige Samurai und kleine Grundbesitzer, die ihre Unabhängigkeit gegenüber den Kriegsfürsten verteidigen wollten. Dort stimmte ein zwölfköpfiger Ältestenrat über Entscheidungen ab. Dieses demokratische System war im damals kriegszerrütteten Japan einzigartig. In diesen Dörfern im Gebirge Igas lebten die wohl talentiertesten Ninja ihrer Zeit. Dort ansässige Bauern übten sich nach der Arbeit in der Kampfkunst, selbst einige der Frauen, doch professionelle Ninja übten sich ständig darin. Die Ausbildung begann sehr früh und war hart und stählte sowohl den Körper als auch den Geist. Man übte, auf Bäume oder Mauern zu klettern und lernte das Kämpfen mit unterschiedlichsten Waffen.

Man härtete den Körper ab, indem man ihm harte Schläge versetzte. Man stärkte Zehen und Gelenke, um schneller Mauern erklimmen zu können oder einen alten, schwachen Bettler zu spielen. Aber, wie schon gesagt, Ninja mussten nicht nur körperlich in Topform sein, sondern waren auch in anderen Bereichen gefordert. Ein Samurai muss Hofetikette, Reiten, Speerkampf und mehr beherrschen. Ein Ninja lernte dasselbe, musste dazu aber noch viel mehr wissen, beispielsweise Unterwanderung, Verkleidung, Brandstiftung, Bombenbau, Psychologie, Chemie usw.

Das geheime Ninjawissen, das über Generationen weitergegeben wurde, lehrt all diese Fertigkeiten aber nur in Bruchstücken. Die Handbücher ergaben erst durch eine mündliche Unterweisung durch einen kundigen Meister einen Sinn. Die Lehre der Ninja nennt man Nin Jutsu und ist mehr, als nur ein Kampfsport. Sie befasst sich hauptsächlich mit Strategie. Hier kann jeder Trick genutzt werden, der zum Ziel führt. Ein weiteres wichtiges Themengebiet, in dem der Ninja in jeder Hinsicht perfekt sein muss, ist die Schauspielerei. Beginnt ein Ninja eine Mission, nimmt er natürlich eine bestimmte Rolle ein, doch er übt dabei auch vieles mehr. Beispielsweise prägt er sich lokale Akzente ein oder das Wissen, das nur der dortigen Bevölkerung geläufig ist, bis die falsche Identität perfekt ist. Manche Ninja hatten sogar mehrere Identitäten, komplett mit Haus und Familie in anderen Gegenden, um leichter unterzutauchen.

Ein weiterer Trick der Ninja, um in der Nacht nicht entdeckt zu werden, ist das Beschränken bei den Mahlzeiten auf ganz bestimmte Speisen, wie zum Beispiel Nüsse oder auch viel Gemüse, vor allem aber geruchlose Nahrung. Essen mit Zwiebel, Zucker oder Knoblauch konnte einem Ninja zum Verhängnis werden.

Aber woher hatten die Ninjaclans eigentlich dieses enorme Wissen?

Leider konnte diese Frage nie durch Quellen oder Anderes belegt werden, es ist aber anzunehmen, dass die Ninja in Iga ihr umfassendes Wissen von den ebenfalls im Gebirge beheimateten Mönche erworben hatten. Diesen Mönchen schrieb man zu der damaligen Zeit übermenschliche Kräfte zu. Sie könnten in den Himmel aufsteigen und dann auf Wolken reiten und überall urplötzlich erscheinen.

Bis 1578 hatte sich Japan entscheidend verändert. Oda Nobunaga, einer der konkurrierenden Kriegsfürsten ist zu großer Macht aufgestiegen und unterwirft erbarmungslos eine Provinz nach der anderen.

 

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Die noch freie Provinz Iga stellt für den Kriegsfürsten allerdings eine Bedrohung für seinen Nachschub dar und wird daher vollständig von Odas Verbündeten umstellt. Er befahl seinem Sohn, Oda Nobukatsu, eine Festung zu errichten, um die Dörfer im Gebirge auslöschen zu können. Oda Nobukatsu hoffte, sich dadurch in den Augen seines Vaters beweisen zu können. Doch die Burg hielt nicht lange. Die Ninja griffen im Schutz der Nacht an und es gelang ihnen den Kommandanten der Festung zu töten.

Damit begann 1579 der 1. Iga-Krieg, angeführt von dem rachsüchtigen Nobukatsu. Mit 8.000 Mann überquerte er die Bergpässe nach Iga. Die Ninja waren aber gut vorbereitet. Sie kannten das Gelände gut und präparierten es. Beispielsweise banden sie eine Schnur mit einem daran befestigten Stein an einen Grasbüschel und präparierten damit den Fluss. Mit hunderten solcher Grasattrappen wirkte das Wasser seicht und leicht zu überqueren. Wenn die Samurai dann versuchten mit ihren Pferden durchzureiten, wurden sie zu hilflosen Zielscheiben. So wurde der Feldzug für Nobukatsu zu einem militärischen Albtraum. Tief in die Wälder Igas gelockt, mussten die Samurai gegen einen für sie unsichtbaren Feind kämpfen, der jeden schmutzigen Trick ausnutzte. Bei jeder nur sich bietenden Gelegenheit zermürbten sie den Feind mit Schein- oder Überraschungsangriffen. Manchmal stifteten die Ninja eine derartige Verwirrung, dass sich Nobukatsus Soldaten sogar gegenseitig angriffen. Am Ende flohen die Samurai in Panik aus den Wäldern.

Seine zweite Niederlage konnte Oda Nobunaga, sein Vater, nicht länger tolerieren, denn sie brachte Schande über die Familie.

Deshalb schickte er alle verfügbaren Truppen nach Iga, um die kleine Provinz von sechs Seiten gleichzeitig zu erstürmen.

 

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Gemälde: Der zweite Iga – Krieg

 

 

 

 

 

 

 

 

Es kämpften 55.000 Soldaten gegen 10.000 Ninja.

Diesmal genügten Scheinangriffe oder Hinterhalte nicht und die Bewohner mussten sich auch auf den offenen Kampf vorbereiten, doch sie waren im Nachteil, bevor der Kampf überhaupt begonnen hatte. Ninja aus einer benachbarten Provinz Koka lieferten dem Feldherren Unterlagen und Pläne über die Stellungen der Iganinja und der dortigen Landschaft.

Am Ende wurden die Iga von Odas Truppen eingekesselt und schließlich, am 15. November 1581, vollständig vernichtet. Trotz allem bewiesen sie außergewöhnliches militärisches Geschick, da sie so lange einer derart überwältigenden Übermacht standhalten konnten.

Am Tag nach der Schlacht wurden sämtliche Männer, Frauen und Kinder, die überlebt hatten, getötet. Allein in einem Dorf waren das mehr als 400 Menschen und laut der Legende waren die Wälder und Flüsse rot vom Blut der Getöteten. Das Blutvergießen dauerte mehrere Tage. Nobunaga wollte die Ninja in Iga nicht nur besiegen, sondern vollständig vernichten. Das war die wohl größte Niederlage der Ninja und das Ende des alten Iga. Eine große Kultur von Kriegern und Agenten wurde damals völlig zerstört und die wenigen Überlebenden verloren ihr Land und ihr Einkommen und wurden schließlich gezwungen in Nobunagas Armee zu kämpfen. Doch seltsamerweise wurden die Leichen der beiden größten Anführer der Ninja nie gefunden. In der Legende heißt es, dass sie ihre eigenen Häuser anzündeten, um unentdeckt flüchten zu können. Allerdings wird man wohl nie herausfinden können, ob das stimmt. Wenn sie wirklich entkamen, haben sie sich sicher Schüler herangezogen, um das Ninjawissen an die nächste Generation weiterzugeben.

Aber wie urteilt nun die Geschichte über die Ninja?Waren sie kalte Mörder oder Krieger, die für ihr Streben nach Freiheit einen hohen Preis zahlten? Wirklich beantworten können wird man diese Frage wohl nicht, dafür kennt man sie nicht gut genug.

Meiner Meinung nach könnte es vielleicht wirklich sein, dass sie eiskalte Mörder waren, allerdings darf man nicht vergessen, dass Krieg damals herrschte. Aber auf ihre Weise waren die Ninja auch ehrenhaft, denn sie verrieten nie die Herren, in deren Sold sie standen, und kämpften bis zum Tod.

                                    Ninja

 

 

Von Alicia Engelsberger

 

 

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